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Niki,
4 July 2008
Zimbabwe Chiredzi
ALLTAGSGESCHICHTEN AUS CHIREDZI
10.06.2008
Ich habe einen Job in Afrika, am Fusse des Baobab-Gomos...
.... Und jeden Morgen, wenn ich kurz nach Sonnenaufgang mit der ersten Tasse Kaffee auf meiner Veranda sitze und über meinen Garten hinweg in den anliegenden Busch schaue, danke ich dem Himmel dafür. So erwacht jeder Tag für mich auf ein Neues zum Leben; die Vögel werden munter, die Zikaden fangen zu zirpen an und die Sonne wird minütlich spürbar stärker. In wenigen Stunden wird sie erbarmungslos und für mich fast unerträglich auf die Erde niederbrennen. Was wird mir dieser Tag Neues in Chiredzi bescheren?
Victor, mein fröhlicher Gärtner, ist schon eifrig im Garten unterwegs und öffnet mir heute morgen das Gartentor. Meistens vergisst er es, aber mir ist das egal, denn ich kann das ja auch selber tun. Es muss also heute ein guter Tag werden und ich fahre, mein neu erlerntes Schonalied vor mich hin singend, ins Büro.
Kurz darauf kommt Tore mit einer riesigen Tasche frischem Gemüse aus seinem Garten zu mir ins Büro. Er versorgt mich regelmäßig mit Gemüse, da mein Gemüsegarten, trotz Victors großartigen Bemühungen, noch nicht viel Essbares hergibt. Tore und seine Frau sind eine von vielen enteigneten weißen Farmerfamilien in Zimbabwe. Ihre erwachsenen Kinder leben und arbeiten in Südafrika und in England, aber Tore und seine Frau sind aus Überzeugung und mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Chiredzi geblieben. Sie halten sich mit ihrem Gemüsegarten über Wasser. Tore malt außerdem noch und hat eine Kunstschreinerei im Hinterhof gestartet, in der er mit 4 ehemaligen Farmmitarbeitern ganz originelle und sehr schöne Kerzenständer aus den verschiedensten Naturhölzern der Umgebung macht.
Tore hat aus seinen vergangenen Farmerjahren noch immer ein soziales Programm laufen. Er unterstützt Familien in der Umgebung, die ein
oder mehrere blinde Familienmitglieder haben, 1x im Monat mit Lebensmittelrationen, sprich Maismehl, Kochöl, Kapenta (getrockneter
Fisch) und was er sonst noch so auftreiben kann. Ursprünglich fing es wohl mit ca. 20 Familien an. Gestern noch erzählte er mir, dass es mittlerweile 180 Familien seien und heute morgen steht er bei mir im Büro, etwas verzweifelt und besorgt und sagt, heute sind bei ihm nicht nur die 180 registrierten Familien aufgekreuzt, sondern 40 zusätzliche Familien. Er sagt er konnte schon kaum genügend Maismehl für die 180 Familien auftreiben, obwohl er, wie jeden Monat, seinen
gesamten Bekanntenkreis und die Kirchengemeinde mobilisiert hat, geschweige dennoch für die zusätzlichen 40 Familien.
Tsitsi, die Direktorin von unserer Organisation SEVACA, kommt dazu und schaut auch gleich in unseren Vorräten nach. Sie kennt das Projekt von Tore natürlich bestens und steuert sofort noch ein paar Sack Maismehl aus unseren Beständen bei, da wir momentan aus politischen Gründen eh keine Lebensmittel in unserem Einzugsgebiet verteilen können.
Nach der Arbeit, fahre ich bei Tore und seiner Frau vorbei, um zu hören, wie der Tag verlaufen ist. Bei ihnen treffe ich auch Gary, ein noch nicht komplett enteigneter Farmer aus der Umgebung, an. Auch er kam die 40 km heute extra in die Stadt gefahren um zusätzliches Maismehl für die Blinden zu bringen. Wir verbringen alle einen netten Abend miteinander und ich erfahre ganz viel über die Geschehnisse der Vergangenheit, über die Ängste und Befürchtungen, aber auch über die Hoffnung und Chancen der Zukunft. Alle sind sich einig, dass es nicht schwierig ist in guten Zeiten zu helfen, aber jetzt, in Zeiten der täglich wachsenden Not, zeigt sich wirklich der Zusammenhalt und die ernsthafte Absicht - eine Einstellung die ich auch schon so oft von Tsitsi gehört habe.
Tsitsi und Madeline, unsere Finance Officerin, arbeiten schon seit März ohne ihr Gehalt zu bekommen. Aufgrund der Hyperinflation sollen sie ihr Gehalt in USD bezahlt bekommen. Sie sehen es auch regelmäßig auf ihren Kontoauszügen, aber wenn sie an den Bankschalter gehen, bekommen sie keinen einzigen Dollar, da der Staat den Zugriff auf ausländische Währung einfach untersagt hat. Dennoch arbeiten die Frauen weiter. Sie wissen, dass sie das Geld vielleicht niemals sehen werden, aber sagen nur:" We have to carry on; What else can we do?" Aufgeben kommt ihnen gar nicht in den Sinn.
Ich bewundere die Menschen denen ich hier begegne sehr und frage mich immer wieder, wie kann ein Land, das solche wunderbaren Menschen
hervorbringt, gleichzeitig ein solches Horrorregime hervorbringen? Wie kann diesen Menschen geholfen werden? Was muss noch alles passieren vor der erhofften Wende? Ich verspüre eine endlose Ohnmacht und Hilflosigkeit.
13.06.2008 (2 Wochen vor den Präsidentschaftswahlen)
Wenige Tage später habe ich mein Auto bis unter die Decke voll gepackt, bereit für eine längere Abreise. Nach langen Diskussionen
mit Tsitsi und den restlichen Kollegen von SEVACA kommen wir zu dem Schluss, nachdem die Aktivitäten von NGO's von der Regierung schwer
unter Beschuss kamen und die Gewalt in der Umgebung zusehends zunimmt, dass es Zeit für mich ist als einzige Ausländerin auf weiter Flur, abzureisen. Es geht nicht ausschließlich um meine Sicherheit, sondern auch um die Sicherheit meiner Kollegen. Meine Anwesenheit kann die Kollegen unter Verdacht bringen einen Spitzel oder Journalisten eingeschleust zu haben und es kann auch das Bild erwecken, dass wir unsere Aktivitäten nicht wie verordnet eingestellt haben. Gestern haben Tsitsi und ich noch eine "Abmelderunde" gedreht bei Polizei, Geheimdienst, Militär und diversen Ministerien bei denen ich auch angemeldet bin. Tsitsi betonte immer wieder, dass ich nur zu einem Familienfest in Urlaub fahre und prompt hörten wir auch 2x, dass es
gut sei dass wir Bescheid geben wieso ich einige Wochen fehlen werde, da es sonst verdächtig wirken könnte.
So, das Auto ist gepackt, Victor, der Gärtner und Memory, meine viel zu junge Hausfee, sind mit Gehalt und Lebensmitteln für einige Wochen
versorgt und mein Hausschlüssel ist bei den Nachbarn abgegeben. Bei SEVACA verabschieden wir uns mit Tränen in den Augen und hoffen
einfach auf die Zukunft. Dann fahre ich los.
40 km außerhalb von Chiredzi halte ich nochmals kurz an der Straße an. Gary, der noch nicht enteignete Farmer, bringt Brian, einen seiner Farmmitarbeiter an die Hauptstraße, damit er mit mir nach Harare fahren kann. Auch Brian hat natürlich einen Sack Maismehl für seine Familie in Harare dabei, 2 Liter frische Milch und ein paar Tüten Zucker. Irgendwie kriegen wir doch noch alles in meinem vollen Auto verstaut und schon geht die Fahrt weiter.
Ich bin dankbar um Brians Gesellschaft, denn es bietet mir nicht nur Sicherheit auf den langen, einsamen 450km bis Harare, sondern auch gute Unterhaltung. Brian ist Elefantenhüter und -trainer. Er hat sein Elefantenbaby bei Gary auf der Farm mit der Flasche aufgezogen und Kimba ist mittlerweile 4 Jahre alt. Sie verbringen nach wie vor ganz viel Zeit miteinander, da Kimba trainiert wird, Touristen auf sich reiten zu lassen. Und schon wieder merke ich, dass auch bei dieser Aufgabe eine Menge Hoffnung und Zuversicht mitschwingt. Brian glaubt einfach an eine friedliche, gute Zukunft mit viel Tourismus für Zimbabwe. Ich bin gerührt.
Im selben Atemzug erzählt mir Brian, dass er vor 2 Tagen den ganzen Tag mit Kimba im Busch verbracht hat und sie abends immer noch nicht
Heim wollte. Aus irgendeinem Grund, sagt er, hat er dem Dickhäuter ausnahmsweise mal seinen Willen gelassen und hat mit Kimba die Nacht im Busch verbracht. Just in dieser Nacht wurde der Compound der Farmmitarbeiter, wo auch Brian normalerweise wohnt, von
"Kriegsveteranen" überfallen, alle Lebensmittel geraubt und seine Kollegen zusammengeschlagen. Es wurde ihnen gesagt, sie sollen nicht mehr für diesen weißen Farmer arbeiten, damit der weiße Farmer endlich weg geht. Und dann sagte Brian:" But how can we leave? We are a big family."
Den Rest der Fahrt erfahre ich noch ganz viel über Elefantenerziehung. Mein Kenntnisstand war bislang, dass afrikanische Elefanten nicht zu zähmen seien, aber Brian belehrt mich eines besseren. Er sagt, die Tiere seien nur so aggressiv, störrisch und misstrauisch Menschen gegenüber durch die vielen Kriege in Afrika die sie erlebt/überlebt haben. Sie haben gelernt, dass der Mensch eine Gefahr für sie darstellt vor der sie sich schützen müssen. Mit Kimba sei es aber mittlerweile anders. Obwohl sie ihre Familie an Wilderer verloren hat und völlig verhungert zu ihm kam, möchte sie nichts lieber als arbeiten und den Menschen gefallen. Er erzählt auch, von Kimbas bestem Freund, dem Schwein und wie die beiden zusammen aufgewachsen sind. Welch eine irre Freundschaft! Anfangs war das Schwein wohl noch fast auf Kimbas Augenhöhe, aber das hat sich über die Jahre drastisch geändert. Das Schwein gibt es noch, weil es nach wie vor ein guter Freund von Kimba ist und man die beiden nicht trennen möchte. Ich frage mich, was in so einem Elefantenkopf vor sich gehen muss wenn der eigene Körper immer größer wird und der vertraute Papa-Brian und Freund-Schwein dadurch immer kleiner wirken.
Brian berichtet weiterhin, dass es mittlerweile 2 weitere, zum Teil auch ältere Elefanten als Kimba, auf der Farm gibt und dass die Elefanten dabei sind zu einer neuen Familie zusammen zu wachsen.
Gary hatte mich, schon bevor ich Brian und seine Erzählungen kennen gelernt habe, auf die Farm eingeladen, aber hätte ich ahnen können was sich auf so einer Farm alles abspielt? Sobald ich zurück in Chiredzi bin, möchte ich auf jeden Fall bald auf die Farm und das Trio Elefant-Sandy, Papa-Brian und Freund-Schwein besuchen. Ich bin wirklich schon sehr gespannt.









